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Martin Halter // "Badische Zeitung", 6. November 2018; "Berliner Zeitung", 11. November 2018




// "Badische Zeitung", 6. November 2018

Schnitzel auf Schnitzler

Book’ n’grill für Feinschmecker: Viktor Sorokin ist mit seiner Literatursatire "Manaraga" zu Gast beim Freiburger Literaturgespräch.

Im Jahr 2037 ist die Gutenberg-Galaxis an ihr Ende gekommen: Bücher werden nicht mehr gedruckt oder gar gelesen, nur noch verbrannt. Es ist keine politische Bücherverbrennung, wie sie Vladimir Sorokin selber schon von Demonstranten im putintreuen Russland zuteil wurde: "Book’n’grill" ist ein neuer Küchentrend, ein dekadentes Vergnügen für geltungssüchtige Oligarchen, neureiche Gangster und die letzten Bibliophilen. Meisterköche aus aller Welt mit hohem Künstlerethos und Profiwerkzeug zelebrieren das Verbrennen von Büchern als Rauchopfer der abendländischen Kultur: Auf der sanften Flamme einer Tolstoi-Erstausgabe gegart, im Feuer von "Finnegans Wake" gehärtet schmecken Hühnchen noch einmal so gut. Es gibt Wiener Schnitzel auf Schnitzler oder Stör-Schaschlick über "Der Idiot"; für Chinesen gern auch Cheeseburger auf "Lolita", für Deutsche Würstchen auf dem "Untertan". Viele Grillmeister sind Analphabeten, auch Geza, der Erzähler, hat noch keinen Roman zu Ende gelesen. Aber er würde nie ein gutes Steak über minderwertiger Literatur wie die von Gorki, Mario Puzo oder "Fifty Shades of Grey" braten.

Nach dem Sieg über die Islamisten und der Refeudalisierung fast aller Demokratien herrscht 2037 wieder ein "aufgeklärtes Mittelalter" in Europa. Anfangs war Book’n’grill ein populäres Hobby, aber als immer öfter antiquarische Raritäten gestohlen und als "fettes Scheit" verkauft und verbrannt wurden, wurde es als Kulturfrevel geächtet und in den Untergrund gedrängt. Das erhöhte Risiko bei illegalen Vernissagen und Underground-Banketten steigert natürlich Wert und Preis der exklusiven Events. Geza ist ein global agierender Spezialist für das Verheizen russischer Literatur (und als solcher natürlich auch ein ironisches Selbstporträt Sorokins). Mit Geschick, Umsicht und neuester Technik hat er sich bisher Konkurrenten, unzufriedene Kunden und die Häscher der "Hygiene" vom Leib halten können. Jetzt aber braut sich Unheil zusammen: Die Franzosen rütteln an den Qualitätsstandards und dem Ehrenkodex der internationalen Griller-Gilde. In ihrer Molekularküche im Berg Manaraga, weit hinter dem Ural, klonen sie millionenfach "Ada"-Erstausgaben, identisch bis zu den Eselsohren und der Bleistiftanstreichung auf Seite 142. Henri, ihr Kopf, will aus den elitären Büchergrillern Dienstleister, aus einem noblen Handwerk ein restaurantkettentaugliches Geschäft machen. Geza soll den Manaraga-Verschwörern das Handwerk legen. Seine Reise zur unterirdischen Bergfestung gerät zum Himmelfahrtskommando im James-Bond-Stil.

Bücher grillen ist für Sorokin ein gefundenes Fressen: eine schwarze Messe kapitalistischer Dekadenz, Rache am staatsfrommen Bildungsbürgertum. Sorokin röstet Klassiker wie Gogol und Tolstoi (in etwas länglichen Stilparodien), sowjetische Meister wie Babel und Bulgakow und mit besonderem Vergnügen literarische Rivalen und eigene Werke. Was die Klassiker meist vornehm ausblenden, rückte der leidenschaftliche Koch und Feinschmecker Sorokin immer schon ins Zentrum: "Niedrige" physiologische Bedürfnisse wie Kochen, Essen und Ausscheiden, inklusive Geschmacksverirrungen wie Kannibalismus, Koprophagie und Pornografie. Inzwischen lebt der einstige Skandalautor – wie einst Nabokov – als Familienvater im Berliner Stadtteil Charlottenburg und hat seinen Frieden mit Tolstoi, Dostojewski und vielleicht sogar Putin gemacht; zuletzt steuerte er für das gescheiterte DAU-Projekt das Drehbuch bei.

In "Der Tag des Opritschniks" (2006) ließ er noch Iwan den Schrecklichen im Russland des Jahres 2027 wüten, in seiner "Ljod"-Trilogie klopfte eine elitäre Brüderschaft gefrorene Menschenherzen mit Hämmern und Eispickeln auf; wer die Erweckung nicht überlebte, war eine taube Nuss. In "Telluria" ließ sich, wer Erleuchtung, Frieden oder Glück suchte, von Zimmermännern einen mystischen Tellurnagel in den Kopf hämmern. In "Der Schneesturm", Sorokins fröhlicher retrofuturistischer Schlittenfahrt durch Nacht und Nebel des "russischen Wahnsinns", kursierten exotische Wunderdrogen und Steampunk-Gimmicks. In "Manaraga" lässt Geza sich "Flöhe" – winzige digitale Helferlein, die Smartphone und Datenbrille alt aussehen lassen – direkt ins Gehirn pflanzen. Die transhumane Technologie schreitet unaufhaltsam voran, die Literatur fällt immer weiter zurück. Um das Buch macht sich Sorokin keine Sorgen; wenn nicht als Repräsentationsobjekt oder Brennmaterial, werde es als immaterielles E-Book überleben. Aber der Stellenwert der Literatur, klagte Sorokin kürzlich, sei in den letzten Jahrzehnten dramatisch gesunken. "Manaraga" ist seine Hommage an die alte Buchkultur: eine groteske Bücherverbrennung, bei der die Klassiker wie Phönixe aus der Asche auferstehen.

oder

"Berliner Zeitung", 11. November 2018

„Managra“. Schnitzel auf Schnitzler

Im Jahr 2037 ist die Gutenberg-Galaxis an ihr Ende gekommen. Bücher werden nicht mehr gedruckt oder gar gelesen, nur noch verbrannt. Es ist kein politisch oder moralisch motiviertes Autodafé, wie es Vladimir Sorokin selber schon von putintreuen Demonstranten zuteil wurde: „Book ’n’ grill“ ist ein heißer Küchentrend, kultiviert zum Vergnügen geltungssüchtiger Oligarchen, Gangster und der letzten Bibliophilen.

Analphabeten als Grillmeister

Meisterköche mit hohem Künstlerethos und handgeschmiedetem Profi-Werkzeug zelebrieren das Verbrennen antiquarischer Raritäten als Rauchopfer der abendländischen Kultur: Auf der Flamme einer Tolstoi-Erstausgabe sanft gegart, im Feuer von „Finnegans Wake“ gehärtet, schmeckt der Hummer noch einmal so gut. Es gibt Wiener Schnitzel auf Schnitzler und Stör-Schaschlik über „Der Idiot“, für Chinesen auch Cheeseburger auf „Lolita“, für Deutsche Würstchen auf dem „Untertan“, für belarussische Lesben Täubchen auf Achmatowas „Poem ohne Held“.

Viele Grillmeister sind Analphabeten; auch Geza, der Erzähler, hat noch keinen Roman zu Ende gelesen. Aber er würde nie ein gutes Steak über zweitklassigen Autoren wie Gorki oder „Fifty Shades of Grey“ braten.

Büchergrillen wird in den Untergrund gedrängt

Die nahe Zukunft sieht ähnlich trüb aus wie bei Houellebecq: Nach dem Sieg über die Islamisten und der Refeudalisierung der Demokratien herrscht im Jahr 2037 wieder ein „aufgeklärtes Mittelalter“ in Europa. Gefragt sind starke Reize für Hirn und Gaumen, aber keine Exzesse mehr.

Anfangs war Book ’n’ grill ein populäres Hobby, aber nachdem immer öfter kostbare Erstausgaben stümperhaft verbrannt wurden, wandten sich die Bibliothekare gegen den Kulturfrevel. Das Büchergrillen wurde in den Untergrund gedrängt; das Risiko bei illegalen Vernissagen und Flashmob-Banketten machte die Events nur umso exklusiver und teurer.

Geza ist ein global agierender Spezialist für das artgerechte Verheizen russischer Klassiker (und als solcher natürlich auch eine Art Doppelgänger Sorokins). Mit Geschick, Umsicht und neuester Technik hat er sich bisher neidische Konkurrenten, enttäuschte Kunden und die Häscher der „Hygiene“ vom Leib halten können. Jetzt aber braut sich Unheil zusammen: Die Franzosen rütteln an den Qualitätsstandards und dem Ehrenkodex der internationalen Griller-Gilde.

Himmelfahrtskommando im James-Bond-Stil

In ihrem Labor im mythischen Berg Manaraga, weit hinter dem Ural, klonen sie millionenfach „Ada“-Erstausgaben, identisch bis hin zu den Eselsohren und der Bleistiftanstreichung auf Seite 142. Die Molekularköche wollen aus gesetzlosen Büchergrillern normale Dienstleister, aus einem noblen Handwerk ein restaurantkettentaugliches Geschäft machen. Geza soll die Verschwörer zur Räson bringen, aber seine Reise zur Bergfestung gerät zum Himmelfahrtskommando im James-Bond-Stil.

Bücher verbrennen im Dienste der guten Sache ist für den Hardcore-Satiriker Sorokin ein gefundenes Fressen: eine schwarze Messe des Zynismus, ein Schlag ins Gesicht des Bildungsbürgertums. Er „liest“ genüsslich Klassiker wie Gogol und Tolstoi und sowjetische Meister von Babel bis Bulgakow auf dem Feuer seiner Stilparodien; mit besonderem Vergnügen röstet er literarische Rivalen und seine eigenen Frühwerke.

Was die Klassiker meist vornehm ausblenden, rückte der Hobbykoch und Feinschmecker Sorokin von jeher ins Zentrum: „niedere“ physiologische Bedürfnisse wie Kochen, Essen und Ausscheiden inklusive Geschmacksverirrungen wie Kannibalismus, Koprophagie und Pornografie.

Von Erleuchtung, Frieden und Glück

Inzwischen hat der einstige Skandalautor freilich Frau, Kinder und – wie einst Nabokov – eine Wohnung in Charlottenburg und seinen Frieden mit Tolstoi, Dostojewski und vielleicht sogar Putin gemacht. Sorokin hat noch erlebt, wie totalitäre Monsterköche Menschen be- und verkochten und löffelweise zu ihrem Glück zwangen. In seiner „Ljod“-Trilogie klopfte eine elitäre Brüderschaft gefrorene Menschenherzen mit Hämmern und Eispickeln auf; wer die Erweckung nicht überlebte, war eine taube Nuss.

In „Der Tag des Opritschniks“ (2006) ließ er einen Iwan den Schrecklichen mit seiner Leibwache im Russland des Jahres 2027 wüten. In „Telluria“ ließ sich dann, wer Erleuchtung, Frieden oder Glück suchte, von Zimmermännern einen mystischen Tellurnagel in den Kopf hämmern. Sorokin liebt solche retrofuturistische Steampunk-Gimmicks, die Verbindung von Lasertechnik, Pelzmütze und Samowar.

In „Der Schneesturm“, seiner fröhlichen Schlittenfahrt durch Nacht und Nebel des „russischen Wahnsinns“, kursierten neben exotischen Wunderdrogen Hologramm-Radios und mysteriöse „Supraleiterinkrustationen“. Jetzt lässt Geza sich drei „Flöhe“ direkt ins Gehirn pflanzen: winzige digitale Helferlein für Stimmungsregulierung, Sicherheit und Information, die jedes Smartphone alt aussehen lassen.

Abgesang auf die Buchkultur

Die transhumane Technologie schreitet voran, die Literatur fällt immer weiter zurück. Um das Buch macht sich Sorokin keine Sorgen. Wenn nicht als Repräsentationsobjekt oder „fettes Scheit“ für den Büchergrill, wird es als immaterielles E-Book überleben. Aber die kulturelle und gesellschaftliche Relevanz der Literatur, klagte Sorokin kürzlich, sei in den letzten Jahrzehnten doch dramatisch gesunken. „Manaraga“ ist sein Abgesang auf die alte Buchkultur: eine Bücherverbrennung, bei der die Klassiker phönixgleich aus der Asche auferstehen.
Tags: рецензии
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